[Karneval der Rollenspielblogs] Welt ohne Netz

18. April 2020 0 Von Niniane

Der diesmonatige Karneval zum Thema „This is the end of the world as we know it (Endzeit)“ wird organisiert von Dnalor

Der folgende Artikel erschien in der Anduin 98 zum Thema „Endzeit“, ich habe ihn allerdings ein wenig überarbeitet. Die Ausgabe 98 war meine erste Ausgabe als Chefredakteurin und wie man sieht, hat mich das Thema schon damals fasziniert (in der gleichen Ausgabe gibt es auch noch ein Abenteuer von mir). Meine Inspiration war übrigens die South Park-Folge, in der das Internet ausfällt und Stan und seine Familie in Folge dessen in einem Flüchtlingscamp landen („Keine Verbindung“, 6. Episode der 12. Staffel).

Vorbemerkung

Das Internet ist aus unserem heutigen Leben nicht mehr wegzudenken. Ob es im privaten Bereich genutzt wird, um Emails nach Amerika zu senden, mit dem Kommilitonen in Australien zu chatten oder kostengünstig über Voice-over-IP zu telefonieren, zum Einkaufen bei Ebay und Konsorten; oder in der freien Wirtschaft für Geschäfte in aller Welt, jederzeit und mit jeder*m, oder im Dienstleistungssektor mit elektronischer Steuererklärung oder Formulardownload bei Behörden: kaum etwas geht heute noch analog oder offline.

Das Netz verschwindet – ein Szenario

Doch wie würde eine Welt aussehen, in der es eben keine Möglichkeit mehr gibt, noch eben schnell eine Email zu verschicken, sich nicht sofort über die neuesten Börsenkurse und die aktuellsten Nachrichten zu informieren? Sicher hat der*die ein*e oder andere schon einmal ein paar Wochen oder sogar Monate ohne Internet verbracht, doch in solchen Situationen bleibt doch stets der Gedanke im Hinterkopf, dass es anderswo immer noch die Möglichkeit gibt, um online zu gehen. Doch was, wenn diese Alternative ebenso wegfällt? Wie gehen die Menschen damit um, wenn sie von heute auf morgen auf das Technik-Level des Prä-Internet-Zeitalters zurückgeworfen werden? Im privaten Bereich wird die Kommunikation erst mal nur noch über Briefe funktionieren, da auch das Telefonnetz, ob nun Handy oder Festnetz, inzwischen fast immer ebenfalls vom Internet abhängig ist. Sobald es wieder analoge Vermittlungsstellen gibt, könnte es auch wieder Telefon geben, doch dies dauert seine Zeit.

Neben der Kommunikation sind auch noch andere Bereiche des täglichen Lebens eingeschränkt: Waren können nur noch zu den Ladenöffnungszeiten eingekauft werden, Bestellungen aus Übersee sind nicht mehr möglich oder dauern im Zweifelsfall viel länger als zuvor. Gebrauchtwaren werden wieder auf dem Flohmarkt oder im Secondhandshop gehandelt, wenn Ebay für solche Transaktionen ausfällt. Überweisungen und andere Bankgeschäfte müssen wieder in der Bank selbst erledigt werden, da die Terminals in den Filialen und Online-Banking hinfällig sind. Das Tagesgeschehen erfährt man nur noch aus Tageszeitungen, dem Fernsehen und dem Radio, die Nachrichten müssen jedoch wieder altmodisch mittels Telegrafen übermittelt werden, und sind im Zweifelsfall nicht mehr so aktuell wie sie es heute sind, wo sofort auf jede Neuigkeit und Information reagiert werden kann. Dennoch werden die Printmedien einen ungeahnten Aufschwung erfahren, da sie die Konkurrenz aus dem Netz nicht mehr zu fürchten brauchen. Schlimmer wird es die Wirtschaft treffen. Ganze Branchen werden verschwinden oder sich neu orientieren müssen, denn in netzlosen Zeiten braucht niemand ein Online-Auktionshaus oder eine Suchmaschine. Lexikonverlage und öffentliche Bibliotheken werden sich wieder wachsender Beliebtheit erfreuen, da die Leute ihre Informationen nicht ad hoc im Internet abrufen können oder auch einfach eine Freizeitbeschäftigung suchen. Computerspiele sind nur noch offline möglich, Patches müssen kompliziert im Laden nachgekauft werden oder werden gar nicht mehr hergestellt. Die Finanzindustrie wird Probleme bekommen, da zum einen die Börsenkurse von Internet-Unternehmen in den Keller gehen dürften, zum anderen aber auch, weil sie aufgrund mangelnder Kommunikationswege nicht mehr schnell genug reagieren kann. Weltweite Geschäfte dürften so kaum noch möglich sein, es wird wieder viel mehr regionale und lokale Wirtschaftsbestrebungen geben wie noch im 19. Jahrhundert.

Da die Menschen den Verlust des Internets und die daraus resultierenden Probleme nicht einfach hinnehmen werden, wird es auch zu politischen Unruhen kommen. Die Regierungen werden im Falle des Falles hart durchgreifen müssen, bürgerkriegsähnliche Zustände könnten die Folge sein. Länder, die heute noch nicht über eine gut ausgebaute Netzinfrastruktur verfügen, werden damit natürlich wesentlich weniger Probleme haben als Staaten, in denen heutzutage jeder bereits über einen privaten und fast immer auch einen beruflich genutzten Internetzugang verfügt. Nach und nach werden die Menschen sich jedoch auch an die veränderte Situation gewöhnen, spätestens, wenn klar ist, dass das Internet auf der ganzen Welt nicht mehr zu retten ist, wird man nach Alternativen suchen. Man wird neue Netze mit verschiedenen Technologien aufbauen wie Funk o.ä., die aber immer nur auf ein bestimmtes Gebiet begrenzt sind und scharf bewacht werden vom Militär oder privaten Sicherheitsdiensten, je nachdem, wem das Rechenzentrum gehört.

Wissenschaftler*innen, die sich mit der Frage nach dem „Warum“ und dem „Wie geht es weiter“ beschäftigen, werden Unmengen an Forschungsgeldern erhalten, damit es wieder ein stabiles weltweites Netz gibt. Glücksritter, Unternehmer*innen und auch zwielichtige Gestalten werden versuchen, Profit aus der neuen Situation zu schlagen, sei es zum Wohle anderer oder um in die eigene Tasche zu wirtschaften.

Und was tust Du?

Abenteuerideen

Der W-Lan-Piratensender

Die Spieler*innen sind Tüftler und Bastler und gehören zu einer der Gruppen, die ein eigenes Funknetz aufgebaut haben, eine Art Piratensender, wie der Titel schon sagt. Ihr Netz steht jedem offen, der es nutzen will, das ganze zum Selbstkostenpreis, denn die Gruppe will ein Zeichen setzen gegen die neuen Provider, die nur auf Profit aus sind und die Inhalte, die in ihren Netzen kursieren. Aber nicht nur diese Leute machen ihnen das Leben schwer, auch jene, die den Zusammenbruch des Internets begrüßen und den jetzigen Status Quo mit allen Mitteln aufrecht erhalten wollen, zum Beispiel radikale religiöse und politische Gruppierungen jeder Couleur, bedrohen das neue Netz.

Ersatzteile gesucht

Die Charaktere sind auf der Suche nach Hardware wie Netzwerkkarten oder W-LAN-Dongles, denn in der Zukunft sind diese Dinge knapp geworden – warum sollte man schließlich etwas herstellen, das niemand mehr benötigt? Also sind die Charaktere entweder als Mitarbeiter*innen eines neuen Providers oder als „Freiberufler“ unterwegs, um die Ersatzteile zu besorgen – die inzwischen teurer sind als Gold und Diamanten, was nicht nur ehrliche Händler auf den Plan ruft.

Matrix 2.0

Die Charaktere finden auf ihrer Suche nach Möglichkeiten, das Internet wieder in Gang zu bringen, ein seltsames junges Mädchen, das scheinbar über Telepathie mit ihnen kommunizieren kann. Es stellt sich heraus, dass dieses Mädchen auch für das Internet einsetzbar wäre – aber können die Charaktere das mit ihrem Gewissen vereinbaren, oder sind sie nur scharf auf das Geld und den Ruhm, den ihnen diese Entdeckung einbringen würde?

Virus im Netz

Eine Variante von „Matrix 2.0“: Wir schreiben das Jahr 2187, das Netz war wesentlich höher entwickelt, als es heute ist, dennoch ist es zusammengebrochen. Eine weltweite Spezialistengruppe, deren Aufgabe es ist, sich um die Sicherheit des Netzes zu kümmern, hat eine Ahnung, was der Grund für diesen Ausfall sein könnte: Um den immer höher werdenden Anforderungen des Netzes gerecht zu werden, werden inzwischen Menschen als Ressource eingesetzt. Einer dieser Menschen ist erkrankt, er hat über seine Verbindungen die anderen Menschen im Netz angesteckt. Die Öffentlichkeit soll jedoch unter keinen Umständen jemals davon erfahren, daher hat die Gruppe die Charaktere angeheuert: Menschen, die nichts mehr zu verlieren haben, aber in Gebieten wie Schießen mit schweren Waffen oder Schlösser knacken einsame Spitze sind.

Join the Pony Express!

Da sich die Menschen ohne Internet wieder auf alternative und vielleicht auch altertümliche Kommunikationswege wie Telegrafen verlassen müssen, wird der Pony-Express wieder ins Leben gerufen. Die Charaktere sind junge Männer und Frauen, die aus den verschiedensten Gründen anheuern, sei es, weil sie einfach ein Abenteuer erleben wollen, oder auch aus persönlichen Motiven (Die*der Liebste hat einen Anderen, sie müssen jemandem etwas beweisen, etc.). Natürlich sind die Bedingungen wie 1860, es gibt immer noch keine Waffen für die Reiter*innen, doch die Route führt oft durch die abgelegensten und gefährlichsten Gebiete.

Chaotische Welt

Das Netz ist eben erst zusammengebrochen, noch weiß niemand, wie lange der Kollaps anhält und ob er tatsächlich globale Ausmaße angenommen hat. Während die Regierungen versuchen, die Lage unter Kontrolle zu halten, bricht auch noch das Stromnetz und die Wasserversorgung zusammen. Die Charaktere sind junge Leute auf einem Outdoor-Ausflug in die Berge, allesamt gut verdienend und können sich daher eine Art Luxus-Survivaltrip leisten mit teuren Schlafsäcken, neuem Gaskocher, vielen Vorräten und einer angenehm großen und teuer eingerichteten Berghütte. Aus dem Radio erfahren sie verzerrt davon, was passiert ist, doch kurze Zeit später werden sie selbst ins Geschehen gezogen: Plünderer belagern die Hütte, private Sicherheitsleute und die Polizei erscheinen, um die Ordnung wieder herzustellen, und Flüchtlinge versuchen, Einlass zu erhalten.

Außer Kontrolle

Bei einer Militärübung sind mehrere Drohnen/Roboter, die über das Internet gesteuert werden, außer Kontrolle geraten und bedrohen nun die Bevölkerung eines nahe gelegenen Dorfes. Die Charaktere müssen die Hightech-Geräte überlisten und einsammeln, bevor es zur Katastrophe kommt.