.. and tunes: Ist das noch Metalcore?

Eigentlich wollte ich ja einen Blogartikel zum Karneval der RSP-Blogs schreiben. Oder mein Material für den Podcast am Montag lesen. Oder mich mit der DSGVO und meinem Blog auseinandersetzen, was langsam echt dringend wird.

Stattdessen sitze ich hier und muss was loswerden. Ich habe es ja quasi angedroht, dass dieser Blog jetzt auch meiner anderen Leidenschaft dienen muss, der Musik, und aus diesem Grund werde ich mich an einer Plattenkritik versuchen. Versuchen deshalb, weil ich keine Ahnung habe, wie man sowas macht (wobei ich Buch- und Spielrezensionen geschrieben habe, und da hat sich niemand beschwert) und ob ich überhaupt genug Plan von Musik habe. Vielleicht ist das, was ich hier gleich schreibe (und alle zwei Wochen im Podcast erzähle), eigentlich großer Blödsinn, aber die folgenden Zeilen wollen und müssen raus. Sonst kann ich nicht schlafen, und das will doch sicher keiner.

Aber worum geht es eigentlich, wenn ich hier so geheimnisvolle Andeutungen mache? Ganz einfach: Um das neue Parkway Drive-Album “Reverence”, zu Deutsch etwa “Verehrung” oder “Ehrfurcht”. Es ist das siebte Studio-Album nach seinen Vorgängern “Ire”, “Atlas”, “Deep Blue”, “Horizons”, “Killing with a smile” und “Don’t close your eyes” und ist am 4. Mai erschienen.

Ich habe mich bereits mehrfach darüber ausgelassen, dass 2018 ein gutes Release-Jahr wird (aktuell veröffentlicht haben bereits die Black Veil Brides, Of Mice & Men, Fall Out Boy und Breaking Benjamin, kommen werden noch Bury tomorrow und Bullet for my Valentine, und angeblich arbeiten die Architects auch an neuem Material), aber ich habe mich auf nichts so sehr gefreut wie auf das neue Parkway Drive-Album. Die “Ire” steht auf meiner Alltime Favourite-Liste sehr weit oben (niemand wird jemals über Bad Religion stehen) und meine Kritik dazu kann man hier nachhören. Ich gebe offen zu, dass man mir bei einer Kritik Befangenheit vorwerfen könnte, immerhin sind Parkway Drive eine meiner Lieblingsbands (niemand kommt vor Bad Religion, ich glaube, ich erwähnte das bereits). Auf der anderen Seite habe ich aber auch kein Problem damit, zu sagen, wenn eine Band, die ich mag, etwas fabriziert, das mir so gar nicht gefällt (Poets of the Fall, ich sehe in eure Richtung). Trotzdem, ein bisschen Angst hatte ich schon, dass die “Reverence” als Album Mittelmaß wird, oder sogar richtig schlecht, und die drei Vorabsingles (“Wishing Wells”, “The Void” und “Prey”) schon das Beste sind, was auf der Platte drauf ist.

Aufgeregt wie ein kleines Kind zu Weihnachten habe ich am 4.5. um Mitternacht also Spotify aufgemacht, um das Album anzuhören (meine Hardcopy ist noch in der Post) und ich kann sagen: Das ist mein Album des Jahres. Jeder einzelne Song für sich genommen ist ein in sich abgeschlossenes Kapitel eines Buches, das aufeinander aufbaut und ein rundes Gesamtkonzept ergibt – genau wie beim Vorgänger. Anscheinend bin ich aber mit dieser Meinung eher allein, wenn ich mir so die Kommentare auf Facebook oder Youtube angucke (ja, ich weiß, man soll keine Kommentare lesen) oder auch die Kritiken lese, scheint die “Reverence” die Fanwelt zu spalten. Die einen sind der Meinung, dass das der Sellout ist und die Jungs auf die Verkaufszahlen schielen, dass das Stadionrock sei (ich wusste bis dato nicht, dass “Stadionrock” eine Beleidigung ist, wieder was gelernt) und kein Metalcore mehr.

Die anderen – und dazu gehöre ich auch – feiern das Album als Weiterentwicklung und eben etwas neues, als erwachsenen und düsteren modernen Metalsound. Ich gebe der ersten Gruppe recht, klassischer Metalcore ist das hier nicht mehr. Wer den will, muss die ersten Alben hören oder eine andere Band (für die, die es ganz klassisch mögen: In hearts wake kommen aus der gleichen Stadt wie Parkway Drive und nehmen gefühlt seit fünf Alben ein- und dasselbe Lied auf. Ich habe dieser Band zwei Stunden Lebenszeit gewidmet, die mir niemand wiedergibt). Aber in meinen Ohren ist “Reverence” die konsequente Weiterentwicklung von der “Ire”, genau wie die auch schon die konsequente Fortsetzung ihres Vorgängers war. Auch wenn “Atlas” ein Brocken ist, düsterster, schwermütigsters Metalcore mit Hardcore-Anleihen (und bisher mein zweitliebstes Parkway Drive-Album), gegen Ende öffnet sich das Gitarrengewitter in “The blue and the grey” hin zum Melodic Metalcore seines Nachfolgers. Über die “Ire” habe ich irgendwo gelesen “every song is an anthem”, und dem kann ich nur zustimmen. Auch wenn da noch astreine Metalcore-Brecher drauf sind (“Dying to believe” oder “Dedicated”), es überwiegt das Melodiöse und der Cleangesang, und mit “Writings on the wall” beispielsweise sind die fünf Australier ganz neue Wege gegangen mit Spoken Words. Außerdem ist auf der “Ire” mit “A deathless song” eines der schönsten Liebeslieder, das ich kenne, verewigt, und beide Fassungen – episch lang mit Streichern und Akustikgitarre oder etwas kürzer im Duett mit Jenna McDougall von Tonight Alive – sind auf ihre Weise gut gemacht und gehen gut ins Ohr, ohne dabei allzu pathetisch oder sogar billig zu wirken.

Aber zurück zur “Reverence”: Textlich und vom Aggressionspotential sehe ich die ganz klar bei “Atlas”, musikalisch ist sie wie bereits erwähnt die Weiterentwicklung der “Ire”. Es ist eben kein Metalcore mehr, sondern, wenn unbedingt Schubladen aufgemacht werden müssen, Modern Metal, oder vielleicht einfach nur “Metal”. Beim kurzen Überfliegen anderer Reviews habe ich Iron Maiden als Referenz gelesen, das passt wirklich gut. Nicht, dass Parkway Drive jetzt die neuen Maiden sind, aber es geht in die Richtung New Wave of British Heavy Metal (ok, dann doch Schubladen aufziehen). Eben weg vom Weltschmerz-Rausbrüllen, während nebendran die Instrumente verhauen werden. Das mag mit Mitte 20 passend sein, aber inzwischen sind auch die Herren von Parkway Drive über 30 und im Falle ihres Leadgitarristen bereits in Ehren ergraut. Es würde seltsam wirken, wenn sie immer noch die gleiche Musik machen würden wie auf ihren ersten Alben. Ja, “Reverence” ist kein Metalcore (mehr). Ja, das ist schon ziemlich weit weg von “Karma”, “Carrion” oder “Dark Days” – zu Recht die erfolgreichsten Songs der Band. Aber ich habe noch nirgendwo gelesen, dass Parkway Drive sich jetzt von ihren früheren Alben distanzieren würden oder nie wieder was davon spielen wollen. Im Gegenteil. Wie schon bei der “Ire” haben sie gesagt, dass sie das machen, worauf sie Lust haben, und das scheint nun mal einfach laute und harte Musik mit Cleangesang zu sein, die vordergründig ins Ohr geht und hintergründig den Hörer nachdenklich zurücklässt, denn wenn die Fünf eins neben Musik machen richtig gut können, dann ist es Texte schreiben.

Für mich ist “Reverence” wie eingangs erwähnt das Album 2018, das mich zum Glück nicht enttäuscht hat – im Gegenteil, ich bin immer noch ziemlich gehypt. Wer ein wirklich gutes Metalalbum sucht, der hat es hiermit gefunden. Und apropos Stadionrock: Da empfehle ich “Vale” von den Black Veil Brides. Ein Album, das bei mir im Auto rauf und runter gelaufen ist und das ich wirklich feiere (ich mag die Black Veil Brides, auch wenn ich nicht mehr ihre Zielgruppe bin), aber das deutlich mehr nach Publikumsgesang vor ausverkauften Rängen schielt als “Reverence”. Aber vielleicht habe ich auch einfach keine Ahnung von Musik.

 

Titel: Reverence
Künstler: Parkway Drive
Erscheinungsjahr: 2018
Label: Epitaph Records

2 Comments

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2 Responses to .. and tunes: Ist das noch Metalcore?

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  2. NWBHM?! MAIDEN? OH! *hüpf*

    Du weißt ja, dass Deine Schreimusik nicht unbedingt mein Stil ist. Wegen dem Schreien eben, also diesem merkwürdigen Schreien. Ich habe von Parkway Drive ja bislang auch nur gehört, was Du im Tanelorn so herumgereicht hast, zumindest Teile davon. Und jetzt, jetzt schreibst Du so wunderbare Dinge wie „Klargesang“, „NWBHM“ und „Maiden“, die sich süß und sanft wie Honig in mein Ohr träufeln. (Heute ist Tag der verrückten Metaphern, weiß das schon jemand? Schnell noch mitmachen! Der Tag ist gleich vorüber.) Also muss ich da ja doch einmal reinhören, wa?

    Und zur musikalischen Entwicklung (nach oben bzw unten) der Bands: Klar, sobald die Band etwas verändert, werden Teile der „Fans“ sauer und stellen Ansprüche, und wenn sich bei nächster Gelegenheit keine „Besserung“ einstellt, dann mutieren sie zu Ikonoklasten. Manchmal ist das ja auch gerechtfertigt! Jawoll! Stichwort Queensryche und alles, was nach der Promised Land (1994) kam! Nerdrage! Stoßt sie vom Sockel! … Ähm. (Wo ist die Blog-Kamera? Ah, ja.) Nun ja. So sind sie eben, diese Chaoten. Tsts. Letztlich aber kann man sich Veränderungen als Fan doch nur wünschen, weil über Jahrzehnte dieselbe Soße wohl nur in den allerwenigsten Fällen ein guter Umstand ist. Man sollte als Fan schon ein wenig Bereitschaft zeigen, mit der Band zu wachsen. Heißt ja nicht, dass man alles gut finden muss. Aber in den meisten Fällen – die MEISTEN, ja?! DIE MEISTEN! Diese Hohlbirnen aus Seattle! … – bekommt man für sein Vertrauen eine ganze Menge coole Mucke wieder zurück.

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